LEBENSRETTERIN POESIE

Ein Zeitdokument.

 

Die folgende Schilderung stammt von Herrn Erich Werres (22.2.1921-30.5.2012) aus Mannheim-Friedrichsfeld, der im Jahr 2011 Mitglied der Goethe-Gesellschaft Rhein-Neckar geworden ist. Sie ist ein sehr nahegehendes Zeugnis über das, was Poesie Menschen bedeuten kann.

 

Wir danken Herrn Werres dafür. Das von ihm anschaulich Erzählte ist gerade in unserer Zeit des Überflusses und Medienüberflutung sehr wichtig. Wir wünschen dem folgenden Text große Verbreitung, daher haben wir ihn mit seinem Einverständnis ins Netz gestellt.

 

Kriege gibt es auch heute noch, daher ist alles, was er uns sagt, bedauerlicherweise  sehr aktuell.

 

Lebensretterin Poesie

 

Dass sie, die Poesie, es einmal für mich sein würde, ahnte ich als blutjunger begeisterungsfähiger Mensch noch keineswegs. Seelische Aufschwünge, die sie vermittelte, zogen allerdings zunehmend ein. Neugierig auf den ringsum viel erwähnten „Faust“ versuchten ein Freund und ich packende Szenen daraus „aufzuführen“. Trotz aller Unerfahrenheit trugen uns bei diesem Tun wunderbare Gefühle auf und davon.

 

Dann kam das Riesenunglück des 2. Weltkrieges. Wir idealistisch angehauchten Knaben wurden in eine Orgie des Tötens und der Zerstörung hineingestoßen.

Gewisse Vorkenntnisse der Nachrichtenübermittlung führten zu meinem Einsatz in der Funkaufklärung. Ich erwähne dies, weil unsere diesbezüglichen Ergebnisse täglich per Kurier an die Armeeführung gemeldet werden mussten. Die betreffende Kurierpost-Sammelstelle war einem vorgeschobenen Feldlazarett zugeordnet und von dortigen Schwestern personell betreut. Dort war auch eine „Frontbuchhandlung“ eingerichtet. Politische Bücher suchte man hier meist vergeblich, aber neben unterhaltender Belletristik fanden auch deutsche Klassiker den Weg dorthin. Und da geschah es: Ein Buch von Wolfgang Goetz mit dem Titel „Goethe, sein Leben in Selbstzeugnissen, Briefen und Berichten“ wurde mir zum Tor für ein geistiges Universum.

Was für Einsichten für mich: Goethe der Lyriker, Dramatiker, Reiseschriftsteller, Kriegsberichterstatter, Naturwissenschaftler, Theaterdirektor, Antiken- und Orient-Verehrer, Staatsminister und was alles noch? –

Doch gemach, gemach! So leichtfüßig konnte ich mir das damals nicht aneignen. In Buchseiten konnte man sich da nur vertiefen, wenn die Kriegsmaschinerie kurz verschnaufte. Als Nothelfer für’s Geistige gab es noch etwas Anderes, das es verdient, erwähnt zu werden: Die „Münchener Lesebogen“, kleine Beilegeheftchen für Feldpostbriefe mit Klassikertexten und niveauvoller Unterhaltung. Ein Bündel solcher Heftchen sollte mir als Hilfe gegen den Wahnsinn dienen.

 

Mai 1945 „Rumms!“ die Tür des Güterwagens rollte zu. Die über 50 Männer, vorgestern noch Soldaten der Kurland-Armee, jetzt Kriegsgefangene, schrien wild durcheinander, als sich der Zug Richtung Osten in Bewegung setzte. Nicht der Heimat entgegen, wie erhofft, sondern den Bergwerken im Ural.

Einem meiner Kompaniekameraden, dem das Entsetzen in den Augen stand, sagte ich: „Komm, wir lernen jetzt Gedichte auswendig, sonst werden wir wahnsinnig!“ Dann fingerte ich einen meiner „Münchener Lesebogen“ hervor und las bei spärlichem Licht, das durch eine Bretterlücke hereinfiel: Goethe, „Gesang der Geister über den Wassern“. „Des Menschen Seele gleicht einem Wasser: Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es, und immer wieder nieder zur Erde muss es, ewig wechselnd …“.

Die mir immer wieder zuhörten, ahnten, dass es einen Lebenssinn gibt, den uns die Dichter erahnen lassen. Im nachfolgenden Waggon brach die Verzweifelung durch: Zwei Kameraden drehten durch, lösten ein lockeres Brett, wollten fliehen, wurden erschossen. –

Wir fanden immer wieder zu unseren Gedichtheftchen zurück, die ich dann sogar ins Lager hineinschmuggeln konnte zu Glück und Freude meiner Mitleser. –

Als mir dort klar wurde, dass in den Köpfen vieler meiner Leidensgenossen geistige Kostbarkeiten brachlagen, beschloss ich, dieses Reservoir anzuzapfen:

Aus Zementsackpapier fabrizierte ich Notizhefte, aus Bruchstücken von Kopierstiften Tinte. Wann immer die tägliche Knochenarbeit Zeit dazu ließ, sammelte ich dieses verborgene Geistesgut. Kaum jemand wird sich heute vorstellen können, was es für ein Glücksgefühl erzeugte, die Schiller-Balladen „Der Taucher“ und „Die Bürgschaft“, samt dem Goethe-Gedicht „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut…“ aus einem einzigen Kopf hervorgelockt zu haben. Einem ehemaligen Schauspielschüler verdankte ich den größten Teil des „Faust“-Textes. Er war damals schon krank und hatte nicht das Glück zu überleben: Staublunge. Im Schacht fraß sich der Berg in uns hinein. Wir bekamen alle unseren Teil ab.

Bei einem Kameraden war das Glück über die empfangenen poetischen Botschaften so intensiv, dass sich daraus eine Art „klassischer Freundschaftsbund“ entwickelte. Nach unserer Entlassung bedankte er sich brieflich dafür, dass ihm meine „poetischen Referate“ (so nannte er es), das Leben gerettet hätte. Er war fest entschlossen gewesen, es zu beenden.

 

                        Poesie kann das Leben schöner und reicher machen.

                                                         Sie kann sogar das Leben retten.

 

                                                                                                                    Erich Werres

Goethes Erfahrungen im Krieg

Die Kriegserfahrungen von Herrn Werres können Anlass sein, mehr auch über Goethes Kriegserfahrungen zu wissen zu wollen. Dazu mehr dazu demnächst an dieser Stelle.