Goethe in Mannheim oder: Goethe im Quadrat

Goethe im Quadrat?  Mannheim wird auch als "Quadratestadt" bezeichnet wegen seiner besonderen städteplanerischen Struktur aus dem siebzehnten Jahrhundert, welche die Straßen rechtwinklig aufteilte.

Der folgende Beitrag beleuchtet die Aufenhalte des Dichters in Mannheim, also "Goethe im Quadrat":

Zeichnungsakademie in F 6,1, die den Antikensaal beherbergte, ca. 1930. Stadtarchiv Mannheim – Institut für Stadtgeschichte
Heutige Antikensaal-Galerie im Schloss (oberer Korridor bei der Schlosskirche), 2011. Stadtarchiv Mannheim – Institut für Stadtgeschichte, Foto: Andreas Henn
Goethes Mannheimer Muse: Elisabeth von Arnim, geb. Baronesse von und zu Linschoten als etwa 27-Jährige

Goethe in Mannheim[1]

 

von Hanspeter Rings

 

 

Goethe besuchte Mannheim – soweit überliefert – achtmal, möglicherweise auch neunmal. Bei seinem ersten Besuch Ende Oktober 1769 war er gerade einmal 20 Jahre alt, bei seinem letzten im Jahr 1815 bereits 66 Jahre.

 

Den Antikensaal mit seiner beeindruckenden Sammlung antiker Skulpturen besuchte der Dichter noch im Jahr seiner Eröffnung 1769: „Direktor Verschaffelts Empfang war freundlich. Zu dem Saale führte mich einer seiner Gesellen, der, nachdem er mir aufgeschlossen, mich meinen Neigungen und Betrachtungen überließ."[2] Und, so Goethe weiter in „Dichtung und Wahrheit", die „große ideale Volksgesellschaft" des Antikensaals hätte in ihm sein ganzes Leben wohltätig fortgewirkt[3] – jene „Volksgesellschaft" bestehend u.a. aus den Figuren des Herkules, Apoll, Dionysos und des im Würgegriff zweier Schlangen zusammen mit seinen Söhnen sterbenden Apollon-Priesters Laokoon. Neben dem Antikensaal besichtigte Goethe 1769 im Residenzschloss das imposante Opernhaus, die naturgeschichtlichen Säle der Kurpfälzischen Akademie sowie die Gemäldegalerie.

 

Anfang Oktober 1774 führte es den jungen Mann ein zweites Mal in die Quadratestadt. Von Frankfurt aus nahm er gemeinsam mit Friedrich Gottlieb Klopstock die Kutsche, Goethe war auf dem Weg nach Mannheim, Klopstock über Mannheim nach Karlsruhe. Auf der gemeinsamen Fahrt soll er dem über doppelt so alten Dichter des „Messias" Szenen aus seinem bereits begonnen „Faust" vorgetragen haben. Zum dritten Mal stand Goethe im Februar 1775 vor den Toren der Stadt. Er traf sich hier mit Friedrich Müller, dem sogenannten Maler Müller, kontaktierte aber auch den Hofbuchhändler Christian Friedrich Schwan, der neben Anton von Klein der bedeutendste Mannheimer Verleger war und sich für das deutsche Theater stark machte.

 

Kurz drauf tangierte Goethe im Mai 1775 die Stadt ein viertes Mal, und zwar auf seiner ersten Schweizer Reise, die ihn u.a. nach Zürich und an den Vierwaldstätter See führen sollte: Zum einen zur intellektuellen Horizonterweiterung, zum anderen auf der Flucht vor seiner Frankfurter Verlobten Lili Schönemann und dem drohenden Ehe-Horizont.

 

Dann überschlugen sich die Ereignisse: Im September 1775 trat Herzog Karl August in Weimar sein Regierungsamt an und ernannte im Juni 1776 den 26-jährigen Juristen zum Geheimen Legationsrat in seinem Geheimen Consilium; 1782 wird Goethe in den Adelsstand erhoben.[4] Parallel zu seinen künstlerischen Ambitionen verfolgte er als dichtender Staatsbeamter im Räderwerk der Realität nun eine Vielzahl administrativer Geschäfte, vom Bergbau bis zur Rekrutenaushebung und zum Todesurteil.

Im September 1779 geht Goethe zusammen mit seinem Herzog erneut auf Reisen, es sollte seine zweite Schweizer Reise werden. Auf der Heimfahrt kommen die beiden kurz vor Weihnachten über Mannheim, für Goethe war es der fünfte Besuch in der Quadratestadt. Das Mannheimer Nationaltheater gab ihnen zu Ehren „Clavigo" mit August Wilhelm Iffland in der Rolle des Carlos. Vermutlich kontaktierte Goethe auf diesem Besuch auch den von ihm hoch geschätzten Landschaftsmaler Ferdinand Kobell. Möglicherweise schaute er beim Kunsthaus Artaria vorbei, zu dem er sowohl private als auch offizielle Beziehungen pflegte.

 

Sein nächster, sechster Besuch in der Stadt sollte erst 14 Jahre später, im August 1793 erfolgen. Unterdessen wurden die Stücke des Dichters auf den Brettern der Mannheimer Nationalbühne erfolgreich gespielt. Dagegen sollte sich der von Wolfgang Heribert von Dalberg, Intendant des Nationaltheaters, initiierte Kontakt Goethes zur hiesigen Deutschen Gesellschaft 1783 als Misserfolg erweisen. Die Deutsche Gesellschaft hatte sich die Förderung der deutschen Sprache – insbesondere auf der Bühne – zur Aufgabe gestellt. Der Gesellschaft gehörten neben Dalberg u.a. Stephan von Stengel, Anton von Klein und Christian Friedrich Schwan an. Ehrenmitglieder waren Klopstock, Lessing und Wieland – nicht jedoch Goethe. Dalberg ließ 1783 – bei Abwesenheit des Autors – vor dem Gremium einen Goethetext mit Blick auf eine mögliche Ehrenmitgliedschaft verlesen, zu Gehör kam „Die Natur. Ein Fragment". Doch unerwartet sollte Goethe mit diesem Text vor der Gesellschaft erbarmungslos durchfallen.

 

Erbarmungslos waren auch die seit April 1793 tobenden Kämpfe der preußisch-österreichischen Kontingente um die von den Franzosen besetzte Festung Mainz. Herzog Karl August und Geheimrat von Goethe befanden sich als Beobachter der Kämpfe in gebührendem Abstand im Lager Marienborn bei Mainz.[5] In dem Lager empfängt ihn Pfalzgraf Max Joseph von Zweibrücken, ferner trifft er auf den schwer verwundeten Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, der im Juli per Schiff zur medizinischen Behandlung nach Mannheim verlegt wird. Kurz darauf nimmt die Allianz unter großen Verlusten die Festung wieder ein. Bevor Goethe die Pferde seiner Kutsche wieder gen Weimar lenkt, macht er in Mannheim dem verwundeten Prinzen noch seine Aufwartung. Zu diesem Zeitpunkt konnte der 43-Jährige bereits auf die zweite Gesamtausgabe seiner Werke verweisen.

 

Ein vorletztes, siebtes Mal sollte Goethe im Oktober 1814 im Verlauf seiner sogenannten ersten Reise an Rhein, Main und Neckar in Mannheim eintreffen. Eigentlich besuchte er die Kunstsammlung der Gebrüder Sulpiz und Melchior Boisserée in Heidelberg, doch ein Tagesabstecher brachte ihn auch nach dem nahen „regelmäßigen Mannheim", wie er die Stadt in einem Brief an seine Ehefrau Christiane Vulpius von 1814 einmal charakterisierte.[6] Jene Stadt, „dergleichen sie noch nicht gesehen", so Goethe an anderer Stelle.[7] In diesem Zusammenhang sei auch das berühmte Mannheim-Wort aus dem Epos „Hermann und Dorothea" aufgerufen. Hermanns Vater deklamiert dort: „Darum hab' ich gewünscht, es solle sich Hermann auf Reisen / Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt / Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. / Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht, / Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren."[8]

In „Hermann und Dorothea", entstanden 1796/97, wie auch in dem erwähnten Brief von 1814 bezieht sich Goethe zwar auf ein Mannheim und dennoch auf zwei verschiedene Städte. War die Stadt 1796/97 noch in einen imposanten Festungsstern eingefügt, so umschmiegte die entfestigte Quadratestadt 1814/15 ein harmonischer Gartenkranz. Gerne ließen sich in der seit 1803 badischen, reizvoll an Rhein und Neckar gelegenen Stadt gut betuchte Honoratioren nieder, nicht zuletzt Hofbeamte aus Weimar, die Goethe kannte und auf seinen Besuchen 1814 und 1815 kontaktierte.

 

Ende September 1815 erfolgte Goethes letzter, achter Besuch in Mannheim, in einer Lebensphase, da er der Passion des „West-östlichen-Divans" verfallen war. „Schon im vorigen Jahre [1814, d. Verf.] waren mir sämtliche Gedichte des berühmten Hafis (1319 – 1389) in der Hemmerschen Übersetzung zugekommen [...] ich mußte mich dagegen produktiv verhalten, weil ich sonst vor der mächtigen Erscheinung nicht hätte bestehen können."[9] Schon auf seiner Reise 1814 hatte der Dichter eine reiche Ausbeute orientalisierender Gedichte in seinem „geistigen Gepäck", die ursprünglich unter dem Titel „Gedichte an Hafis" herauskommen sollten. Beträchtlich erweitert erschienen sie dann 1819 als „West-östlicher Divan", allerdings mit nur mäßigem Erfolg, so dass die Erstauflage im Jahr 1919 noch nicht restlos verkauft war.

 

Während seines zweitägigen Kurzbesuchs in der Stadt 1815 dürfte er noch emotional aufgeladen gewesen sein von der Heidelberger Begegnung mit seiner unerfüllten Liebe Marianne von Willemer, der Muse seiner bereits geschaffenen Suleikalieder des „West-östlichen Divans". In dieser Verfassung wartet er in Mannheim dem Königlich-preußischen Freiherrn Baron von und zu Linschoten (1769 – 1819) auf, der im Bretzenheimschen Palais in A 2,1 wohnt. Linschoten war bis 1801 niederländischer Gesandter am württembergischen Hof und ab 1817 preußischer Kammerherr. Die Jahre dazwischen verbrachte er als Pensionär in Mannheim, das über eine gute Infrastruktur verfügte und, wie erwähnt, von Honoratioren mit Vorliebe als Ruhesitz gewählt wurde.

 

Im Bretzenheimschen Palais glimmt dem Dichter am Finger der 15-jährigen Elisabeth (1800 – 1846), Baronesse und Tochter des Hauses Linschoten, ein herrlicher Smaragd entgegen. Das Aufeinandertreffen mit dem schönen und geistreichen Mädchen schien von der Art einer Kleinromanze gewesen zu sein, was sich aufgrund des Gedichts „Bedenklich", geschrieben am 30. September 1815 in Mannheim, annehmen lässt: „Soll ich von Smaragden reden, / Die dein Finger niedlich zeigt? / Manchmal ist ein Wort vonnöten, / Oft ist's besser, daß man schweigt / Also sag' ich, daß die Farbe / Grün und augerquicklich sei! / Sage nicht, daß Schmerz und Narbe / Zu befürchten nah dabei / Immerhin! Du magst es lesen! / Warum übst du solche Macht! / „So gefährlich ist dein Wesen / Als erquicklich der Smaragd."[10]

 

So schrieb sich's Goethe mit jungem Herzen ins alternde Stammbuch – und bestellte in dem „freundlichen Mannheim", wie er es einst bezeichnet hatte, die Kutsche mit den freundlichen Pferden zurück nach Weimar ...

 

 

Der Autor ist Wissenschaftlicher Stadthistoriker beim Stadtarchiv Mannheim - Institut für Stadtgeschichte  und Mitglied im Vorstand der Goethe-Gesellschaft Mannheim Rhein-Neckar e.V.

Copyright: Dr. Hanspeter Rings, Mannheim.

 

 

[1] Grundlegend hierzu Friedrich Walter: Goethe und Mannheim, in: Mannheimer Geschichtsblätter 1932, Sp. 109 – 150; Hanspeter Rings: Die Quadratur des Goethe? Der Dichter und Mannheim. Zum 250 Geburtstag von J. W. v. Goethe, in: Badische Heimat 1999 (H. 4): S. 724 – 738; sowie ders.: Goethe in Mannheim - Antike, Alchemie, Allah, in: Mannheimer Geschichtsblätter, 23/2012, S. 75-90.

[2] „Dichtung und Wahrheit", Hamburger Ausgabe, Bd. 9, 11. Buch S. 501 f.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Hamburger Ausgabe Bd.14, S. 406, 412.

[5] Vgl. hierzu Goethes Schrift Belagerung von Mainz. Hamburger Ausgabe, Bd. 10.

[6] Vgl. Brief v. 6.10.1814, zit. n. Friedrich Walter: Goethe und Mannheim, in: Mannheimer Geschichtsblätter 1932: Sp. 109 – 150, hier Sp. 132.

[7] Vgl. Brief an seinen Sohn v. 7.11.1808.

[8] Hamburger Ausgabe, Bd. 2 S. 456

[9] Tag- und Jahreshefte, Hamburger Ausgabe Bd. 10, S. 514.

[10] Hamburger Ausgabe, Bd. 2, S. 29.



Entdeckung: Fanpost aus Mannheim an Goethe

Dr. Hanspeter Rings, Vorstandsmitglied und wissenschaftlicher Stadthistoriker schreibt über eine Mannheimer Begebenheit, die Goethe und Mannheim auf besondere Weise zusammenbringt.

 

(Auszug aus den "Mannheimer Geschichtsblättern" 2017 mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber und des Autors.)

Rings Fanpost für Goethe.pdf
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